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Italienische Verlage gegen Google: Streit um „AI Overviews“

KI-Zusammenfassungen reduzieren Reichweite und bedrohen Medienvielfalt. Ein Streit, der bald ganz Europa betreffen könnte.

Weisenburger
von
Weisenburger
Wirtschaft
Stand: 21. November 2025
Lesedauer: 6 Min.

KI-Zusammenfassungen statt Klicks

In Italien eskaliert ein Streit, der bald die gesamte europäische Medienlandschaft betreffen könnte. Mehrere große Verlage werfen Google vor, mit seiner neuen Funktion „AI Overviews“ den Journalismus zu gefährden. Das Feature, das bereits in den USA eingeführt wurde, zeigt Nutzer*innen bei Suchanfragen nicht mehr nur Links, sondern automatisch generierte KI-Zusammenfassungen ganzer Themen. Für Medienhäuser bedeutet das: weniger Klicks, weniger Werbeeinnahmen – und damit weniger Geld für redaktionelle Arbeit.

Die italienische Verlegervereinigung FIEG („Federazione Italiana Editori Giornali“) hat nun offiziell Beschwerde bei der nationalen Wettbewerbsbehörde eingelegt. Man spricht von einem „systemischen Risiko für die Pressefreiheit“, sollte Google die neue KI-Darstellung auch in Europa freischalten.

Wenn die KI den Artikel schon erzählt

„AI Overviews“ ist Teil von Googles neuer Suchstrategie. Statt einer Liste von Ergebnissen generiert das System eine Zusammenfassung der wichtigsten Fakten – basierend auf Webseiten, Nachrichtenartikeln und Forenbeiträgen. Für Nutzer*innen wirkt das bequem: Die Antwort steht sofort oben, ohne dass sie eine Seite anklicken müssen.

Doch genau das ist das Problem. Nach ersten Analysen von SimilarWeb sank der Traffic vieler Nachrichtenseiten in den USA bereits um 30 bis 40 Prozent, seit das Feature aktiv ist. Wenn Menschen die Antwort direkt in der Suche lesen, besuchen sie die Originalquelle nicht mehr. Für Verlage, deren Geschäftsmodell auf Reichweite basiert, ist das existenzbedrohend.

Hinzu kommt: Viele der KI-Zusammenfassungen zitieren Originalinhalte, ohne klar auf die Quelle zu verlinken. FIEG wirft Google deshalb Verstoß gegen Urheberrecht und Wettbewerbsrecht vor – und fordert, die Funktion bis zur Klärung der Rechtslage zu stoppen.

Google verteidigt sich

Google weist die Vorwürfe zurück. Man verwende nur öffentlich zugängliche Informationen und verweise, wo immer möglich, auf die Ursprungstexte. „AI Overviews ist kein Ersatz für journalistische Inhalte, sondern ein Wegweiser dorthin“, heißt es in einer Stellungnahme des Konzerns. Außerdem hätten erste Tests gezeigt, dass bei bestimmten Themen – etwa Gesundheit oder Technik – die Klickzahlen auf Fachartikel sogar gestiegen seien.

Dennoch bleibt die Skepsis groß. Kritiker*innen bemängeln, dass Google selbst entscheidet, welche Inhalte zusammengefasst werden und wie. Damit könne der Konzern indirekt beeinflussen, welche Themen Sichtbarkeit erhalten und welche verschwinden – eine Macht, die sonst nur Redaktionen vorbehalten war.

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Europas Gesetzgeber im Blick

Der Konflikt kommt zu einem heiklen Zeitpunkt. Mit dem Digital Markets Act (DMA) hat die EU bereits ein Regelwerk geschaffen, das Plattformen zu fairer Behandlung von Inhaltsanbietern verpflichtet. Sollten Googles KI-Zusammenfassungen tatsächlich den Traffic massiv reduzieren, könnte das als Verstoß gegen den DMA gewertet werden.

Auch die EU-Kommission verfolgt den Fall aufmerksam. Binnen weniger Wochen will Brüssel prüfen, ob ein europaweites Verfahren nötig ist. Deutschland, Frankreich und Spanien haben bereits Interesse bekundet, ähnliche Untersuchungen zu starten. Für die Medienbranche steht viel auf dem Spiel: Es geht um nichts Geringeres als die Rolle des Journalismus im Zeitalter der künstlichen Intelligenz.

Die wirtschaftliche Dimension

Seit Jahren kämpfen europäische Medienhäuser gegen sinkende Einnahmen. Viele hoffen, dass neue Digitalabgaben oder Lizenzmodelle für KI-Training frisches Geld bringen könnten. Googles neues System konterkariert diesen Ansatz: Statt Inhalte zu lizenzieren, lässt es die KI einfach Zusammenfassungen generieren.

„Wenn die Maschine meine Arbeit zusammenfasst, ohne mich zu bezahlen, dann zerstört sie den Markt, von dem sie lebt“, sagte Andrea Riffeser, Vorsitzender der FIEG, in einem Interview mit La Repubblica. Es sei paradox, dass dieselben Medien, die die Daten für das KI-Training liefern, am Ende Marktanteile verlieren.

Google betont dagegen, man arbeite an Partnerschaftsmodellen. So könnten Medienhäuser in Zukunft ihre Inhalte gezielt für KI-Zusammenfassungen freigeben – gegen Beteiligung an den Werbeeinnahmen. Noch ist aber unklar, ob daraus faire Verträge werden oder nur Symbolpolitik.

Stimmen aus der Redaktion

Auch in Deutschland und Österreich sorgt der Fall für Diskussion. Der Spiegel spricht von einer „kalten Enteignung der Aufmerksamkeit“, während Der Standard warnt, KI-gestützte Suchmaschinen könnten „die redaktionelle Vielfalt unbemerkt aushöhlen“.

Andere sehen auch Chancen: Wenn Nutzer*innen durch KI-Zusammenfassungen auf qualitativ hochwertige Quellen stoßen, könnten langfristig Klicks zu etablierten Marken zurückkehren. Entscheidend ist, ob Google bereit ist, transparente Quellenangaben und Verlinkungen umzusetzen – und ob Medienhäuser strategisch darauf reagieren.


Fazit

Googles „AI Overviews“ zeigt, wie schnell sich Machtverhältnisse im Netz verschieben können. Was als Komfortfunktion beginnt, verändert das Fundament der Informationsökonomie. Der Streit in Italien ist damit ein Warnsignal für ganz Europa: Wenn KI-Systeme Wissen aggregieren, ohne Wertschöpfung zurückzugeben, steht mehr auf dem Spiel als SEO-Rankings – nämlich die Finanzierung unabhängiger Berichterstattung.

KI kann Informationen verdichten, aber sie kann keine Pressefreiheit garantieren. Die Zukunft des Journalismus hängt davon ab, ob Technologieanbieter und Medien lernen, gemeinsam statt gegeneinander zu arbeiten.

Stichwörter:AI OverviewsEU DMAFIEGGoogleJournalismusKI-ZusammenfassungenMedienUrheberrecht
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